Interview mit Augustin Hadelich: Bach-Sonaten und -PartitenInterview mit dem Violinisten Augustin Hadelich: Bach-Sonaten und -Partiten
Die Kunstfertigkeit, die Liebe zum Detail und die schiere Schönheit von Augustin Hadelichs Geigenspiel berühren mich immer wieder aufs Neue. Als ich erfuhr, dass er eine Gesamtaufnahme von Johann Sebastian Bachs Sechs Sonaten und Partiten für Violine solo veröffentlicht, war ich deshalb wirklich gespannt darauf, wie er diese Werke deutet, die das Herzstück des Violinrepertoires bilden. Der deutsch-amerikanische Geiger, der in den USA lebt, hat die Pandemie nicht nur damit verbracht, Bach zu üben und aufzunehmen, sondern auch unzählige Videos gedreht: 46 Videos in einer pädagogischen Playlist zur Violintechnik mit dem Titel Ask Augustin sowie 37 Konzertvideos aus seinen eigenen vier Wänden für Hadelich at Home 2020. Augustin wurde 2015 mit dem Warner Prize ausgezeichnet, erhielt 2016 einen Grammy für seine Aufnahme des Violinkonzerts von Dutilleux und war 2018 „Instrumentalist of the Year“ von Musical America. Im selben Jahr veröffentlichte Augustin seine exquisite Aufnahme sämtlicher 24 Capricen von Paganini – berüchtigt schwierige Virtuosenstücke, die selbst die versiertesten Geigerinnen und Geiger herausfordern. Bachs sämtliche Sonaten und Partiten für Violine solo aufzunehmen ist ein ähnlich ehrgeiziges Unterfangen – und Augustin enttäuscht nicht. Die Anfang April erschienene CD enthält außerdem ein Booklet mit einem nachdenklichen Essay aus Augustins eigener Feder sowie wunderschönen Fotos seiner Frau Suxiao Yang, aufgenommen in der italienischen Landschaft, in der Augustin aufgewachsen ist.
Eigentlich wollte ich zunächst nur in die Höhepunkte hineinhören – schließlich ist das eine Menge Musik: sechs mehrsätzige Werke mit insgesamt 32 Sätzen. Doch als ich einmal angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich habe mir die vollen zwei Stunden und zwölf Minuten dieses zutiefst emotionalen, intellektuell erfüllenden und höllisch schweren Geigenspiels angehört, das bei ihm so selbstverständlich und zwingend klingt. Was für eine Leistung! In diesen Werken verlangt Bach der Geige ab, die Aufgabe eines ganzen Ensembles zu übernehmen, vielleicht sogar die einer Kirchenorgel: mit ihren vier Saiten zugleich Melodie und Harmonie zu erzeugen und mehrstimmig zu singen. Augustin gelingt es ausnahmslos, diesen vielen Stimmen Sinn zu verleihen und sie klar und zusammenhängend herauszuarbeiten – trotz der technischen und, offen gesagt, auch intellektuellen Herausforderungen. Diese Werke umfassen ein gewaltiges emotionales Spektrum: in einem Moment erhaben und göttlich, im nächsten klein und verletzlich. Und wie ein Maler, der Farben sieht, die sonst niemandem auffallen, bringt Augustin auch winzige Momente der Schönheit zum Vorschein – nie zu viel, gerade genug, um die Musik schimmern zu lassen. Das Schönste war für mich der Schluss: die Partita Nr. 3. Ich glaube, ich habe in dieser Partita noch nie so viel Freude gehört, besonders in der Gavotte. Vor einigen Wochen habe ich mit Augustin über seine neue Aufnahme gesprochen, über das Spiel mit dem Barockbogen und über seine sich stetig weiterentwickelnde Sicht auf die Musik und die Bedeutung Bachs. „Gleich als der Lockdown kam, habe ich Bach hervorgeholt und angefangen, ihn zu spielen“, erzählte Augustin. Damit war er nicht allein – viele Streicherinnen und Streicher spielten in dieser Zeit Bachs Solowerke, denn diese Musik braucht keine Begleitung und ist damit wie geschaffen für die Isolation. Augustin hatte jedoch noch einen weiteren wichtigen Grund: Er wollte schon immer die Gesamtwerke aufnehmen, und er hatte endlich „den richtigen“ Barockbogen gefunden und konnte es kaum erwarten, damit zu spielen. „Ich hatte den Bogen vor vielleicht drei Jahren gekauft und hatte bis dahin kaum Gelegenheit gehabt, ihn zu benutzen“, sagte Augustin. Bevor er diesen Bogen fand, war Augustin, was Barockbögen anging, eher entmutigt. „Ich hatte immer gedacht, der Barockbogen sei so verschieden vom modernen Bogen, dass es wäre, als müsste man das Spielen neu lernen“, sagte er. Dieser Eindruck stammte aus einer Zeit vor vielen Jahren, als er einen Barockbogen ausprobierte, der so kurz und leicht war, dass er sich wie ein Kinderbogen anfühlte. In Wirklichkeit aber „gibt es unter den verschiedenen Barockbögen eine riesige Bandbreite, was Länge, Gewicht und Spielverhalten angeht. Ich glaube, sie unterscheiden sich viel stärker voneinander als moderne Bögen. Ich denke sogar, dass es da draußen für jeden einen passenden Barockbogen gibt – das ist ein bisschen wie bei Harry Potter, wenn man den richtigen Zauberstab finden muss!“ Geholfen, diesen „richtigen Bogen“ zu finden, hat ihm ausgerechnet die Geigerin Julia Fischer. Vor einigen Jahren waren die beiden gemeinsam auf einer Tournee mit zehn Konzerten unterwegs, mit Aufführungen von Bachs Doppelkonzert sowie Schnittkes Concerto grosso Nr. 1. „Eines Tages tauchte sie mit zwei Barockbögen auf“, erzählte Augustin. Mit dem für sie typischen Temperament „hat sie mich gewissermaßen herausgefordert: ‚Ich nehme den Barockbogen, wenn du den Barockbogen nimmst …‘ Also sagte ich: ‚Na gut …‘“ Plötzlich fand sich Augustin in einem Konzert mit einem Barockbogen wieder. „So etwas mache ich normalerweise nicht – einfach mit einem anderen Bogen auf die Bühne zu gehen!“, sagte Augustin. „Aber was mich erstaunt hat, war, wie natürlich es sich anfühlte – es fühlte sich genau richtig an für diese Musik.“ Der Bogen war ein Modell nach Vorbildern der 1730er-Jahre aus Eisenholz, gefertigt vom deutschen zeitgenössischen Bogenmacher Rüdiger Pfau. „(Julia) hatte zwei Bögen zum Ausprobieren dabei“, sagte Augustin. „Einen davon hatte sie gerade gekauft, und den anderen habe ich ausprobiert. Der passte besser zu mir, also ging das gut auf.“ Am Ende kaufte er genau diesen Bogen. „Er hatte eine gewisse Kraft und eine ähnliche Länge wie ein moderner Bogen, er ist nur ein klein wenig kürzer. Und natürlich ist er leichter als mein moderner Bogen, aber er hatte eine gewisse Stabilität, die den Umstieg leichter gemacht hat.“ Mehr noch: Bei einem Komponisten wie Bach fühlte sich der Barockbogen intuitiver an. Vieles wurde dadurch einfacher. „Das Wunderbare am Spielgefühl des Barockbogens ist diese Leichtigkeit, dieser Auftrieb“, sagte Augustin. „Der Bogen will die Töne am Ende nach oben abheben. Das gibt den Tönen eine gewisse Federung und macht es ziemlich leicht, in den Tanzsätzen aller Partiten eine wirklich gute Artikulation zu erzielen. Das passiert fast von allein: All die kleinen Formungen stimmen einfach. Mit dem modernen Bogen muss man das nachahmen. Der moderne Bogen ist ja gerade so konstruiert, dass er nicht abhebt, sondern in die Saite einsinkt. Darum geht es ja – deshalb ist er andersherum gebogen, damit das Gewicht so weit wie möglich in die Saite geht und der Ton getragen wird.“ „Der Barockbogen wurde zuerst erfunden, und ich glaube, das ist die intuitivste Art, einen Bogen zu bauen und mit ihm umzugehen“, sagte Augustin. „Der Umstieg ist eigentlich ziemlich leicht. Wer allerdings sein ganzes Leben lang mit einem Barockbogen gespielt hat und auf einen modernen Bogen umsteigen müsste, hätte es wahrscheinlich viel schwerer. Beim modernen Bogen ist die Art der Tonerzeugung, das Gewicht und die Balance komplexer, und er versucht, alles zu können – er muss Leichtigkeit, aber auch Gewicht haben, einen vollen Klang und Farben, all das. Er ist das komplexere Werkzeug.“ Der Barockbogen war nur ein weiteres Element, das Augustin half, bei Bach noch weiter in eine Richtung zu gehen, die er ohnehin schon eingeschlagen hatte: die Freude und den Spaß in dieser Musik zu finden. „Die Bach-Tradition, als ich sie zum ersten Mal hörte, war wirklich streng“, sagte Augustin. „Da war keine Freude drin. Selbst so etwas wie die Gavotte klang, als sollte sie ‚den Charakter bilden‘. Viele dieser Sätze sind voller Freude, besonders die dritte Sonate und die dritte Partita – sie sind eine solche Erlösung nach der zweiten Sonate und der zweiten Partita, die so dramatisch sind. Ich finde sogar, dass die Bach-Interpretation des frühen 20. Jahrhunderts für die zweite Partita, für die dramatischen Teile, viel besser funktioniert hat, auch wenn die Tempi etwas langsamer waren. Die tragische Emotion kam da sehr eindringlich und bewegend zum Ausdruck. Was aber wirklich nicht funktioniert hat, waren einige der leichteren und fröhlichen Tänze.“ „Die historische Aufführungspraxis hat die Art verändert, wie wir alle Barockmusik hören. Es fühlt sich fast so an, als hätte ich heute andere Ohren als damals, weil sich bestimmte Konventionen geändert haben“, sagte Augustin. „Wie man damals vibriert hat, würde heute fehl am Platz wirken – übertrieben. Ich finde, die Dinge haben sich zum Besseren entwickelt, besonders bei barocker Orchestermusik: Alles ist ein wenig leichter geworden, hat eine wirklich schöne Transparenz und ist ein bisschen freier.“ „Der Barock war eine Epoche des Überschwangs, der schillernden Charaktere“, sagte er. Bach mag ein deutscher Kirchenorganist gewesen sein, doch er war mit den französischen Tänzen bestens vertraut: Er hatte mit einem französischen Tanzmeister zusammengearbeitet und zu verschiedenen Zeiten seines Lebens Tänzer begleitet. „Das dürfte ziemlich extravagantes Musizieren gewesen sein – nicht das, was man oft mit Bach verbindet, wenn man ihn sich als diesen strengen deutschen Kirchenkomponisten vorstellt. Aber selbst wenn er geistliche Musik schreibt, tanzt die Musik immer, und in so vielen seiner Werke gibt es Tänze.“ Zwar spielte Augustin mit einem Barockbogen, doch er stimmte seine Geige nicht auf den tieferen Kammerton a' = 415 Hz herunter und bezog sie auch nicht mit Darmsaiten, wie es Spezialisten für historische Aufführungspraxis mitunter tun. Er blieb bei der modernen Stimmung von a' = 441 Hz und spielte mit synthetischen Saiten: Evah Pirazzi für A, D und G sowie einer Gold Wondertone E-Saite. Seine Geige stammt allerdings tatsächlich aus Bachs Zeit – die „Leduc, Szeryng“ von Giuseppe Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1744, die ihm ein Mäzen über den Tarisio Trust leihweise zur Verfügung stellt. „Das war früher Szeryngs Geige – deshalb vergleichen die Leute meinen Bach manchmal mit dem von Szeryng, was ich lustig finde, denn unterschiedlicher könnte es wahrscheinlich kaum klingen!“ Ich erwähnte, dass meine liebste Bach-Ausgabe tatsächlich die von Szeryng ist – welche Ausgabe hat er verwendet? „Bei den Aufnahmesitzungen habe ich eine Bärenreiter-Ausgabe (Urtext) benutzt“, sagte Augustin. (Übrigens hat Bärenreiter kürzlich eine neue, revidierte Urtextausgabe der Sonaten und Partiten herausgebracht.) Wenig überraschend hat Augustin jedoch seine eigene Lesart, die auf Bachs Originalhandschrift beruht. Die verschiedenen Urtextausgaben – etwa von Bärenreiter und Henle, die sich so genau wie möglich an das halten wollen, was Bach ursprünglich notiert hat – stimmen nicht immer überein, sodass „ein gewisses Maß an Rätselraten dabei ist“, so Augustin. „Aber das hat mir richtig Spaß gemacht, weil es so eine wunderschöne Handschrift ist.“ Schon als Kind begann er, sich damit zu beschäftigen. „Als ich jung war, habe ich unendlich viel Zeit damit verbracht, mir jede Kleinigkeit anzusehen“, sagte Augustin. „Damals war die einzige ‚Ausgabe‘, die ich hatte, unglaublich überladen mit Eintragungen – Millionen von Bögen, übereinander, kreuz und quer. Deshalb war es ein großer Schock, das gedruckte Faksimile von Bachs Handschrift zu sehen. Es war so aufregend zu entdecken, dass die Stricharten, die Bach notiert hat, tatsächlich Sinn ergeben – und in vielen Fällen sogar einfacher sind.“ Ein Beispiel? „In der Corrente der zweiten Partita wurden die punktierten Rhythmen immer gehakt gespielt, und das ist ziemlich üblich – viele Ausgaben haben das immer noch so. Aber das macht es eigentlich viel schwieriger, weil es den Fluss unterbricht. Wenn man es dagegen einfach so spielt, wie es kommt (abgesetzt), dann federt es förmlich von selbst dahin, besonders mit einem Barockbogen. Es ist einfach viel leichter und natürlicher. Es gibt viele Stellen, an denen es sich so, wie Bach es ursprünglich notiert hat, intuitiver und natürlicher anfühlt.“ Trotzdem ist es nicht immer leicht zu erkennen, was Bach geschrieben hat, denn „Bach hat die lästige Angewohnheit, die Bögen zu spät beginnen zu lassen, wenn sie unter den Noten stehen – oft sieht es so aus, als begännen sie eine Note später, als sie es tatsächlich tun. Das ist einfach eine Eigenart seiner Handschrift“, sagte Augustin. „Der Prüfstein für die Stricharten ist, dass Bachs Stricharten auf dem Instrument in der Regel aufgehen – wenn man sie befolgt, kommt man am Ende des Stücks richtig heraus. Wenn das nicht der Fall ist, suche ich nach Stellen, an denen es Mehrdeutigkeiten geben könnte.“ Hat Augustin eine Lieblingssonate oder -partita? „Das ist schwer“, sagte Augustin. „Die Sonaten sind so anders als die Partiten. Aber wenn ich mich entscheiden muss, ist die zweite Partita vielleicht das größte Werk – wegen der Chaconne und was für ein Meisterwerk sie ist.“ „Aber das Werk, zu dem ich während der Aufnahme eine viel engere Beziehung aufgebaut habe, ist die dritte Sonate“, sagte er. „Ich glaube, ich hatte sie in meiner Jugend etwas vernachlässigt – sie ist so schwierig, und ich habe sie nicht ganz verstanden. Ich liebe es, wie sie nach der Tragödie der Chaconne eine Wiedergeburt, ein Wiedererwachen ist. Das Adagio (der erste Satz) beginnt auf dem C mit diesem punktierten Rhythmus – es fühlt sich an, als würde die Musik langsam wieder zum Leben erwachen, eine Auferstehung, die wirklich wunderschön ist. Und die Fuge ist so voller Freude, aber es ist schwer, das im Spiel zu zeigen, weil sie so schwierig ist! Ich glaube, sie ist definitiv nicht auf der Geige komponiert – man merkt irgendwie, dass ein Tastenspieler sie geschrieben hat. Ich weiß, dass Bach Geige spielte, aber er war in erster Linie Organist, ein Tastenvirtuose. Ja, man kann sie auf der Geige spielen, aber man kann unmöglich alle Töne in dieser Fuge aushalten – man muss ständig Akkorde auf eine bestimmte Weise brechen und versuchen, es irgendwie so klingen zu lassen, als würden die Stimmen weiterlaufen. Man geht an die Grenze des technisch Möglichen, genauso wie bei einer Paganini-Caprice; es geht bis an den äußersten Rand, es treibt uns technisch wirklich an die Grenze. Aber es ist ein so schönes, freudvolles Stück, ich liebe es einfach. Früher habe ich es nicht so geschätzt, und jetzt ist es eines meiner Lieblingsstücke geworden.“ Weitere Interviews auf Meistervioline: Erschienen ursprünglich auf Violinist.com; mit Genehmigung veröffentlicht. Original: https://www.violinist.com/blog/laurie/20214/28737/ Übersetzung für Meistervioline.com |



von Laurie Niles (violinist.com) · 20. April 2021

